Der reale Industrielehrpfad
Tafeltexte des Industrielehrpfades
Der Industrielehrpfad von Hauptwil nach Bischofszell ist mit fünf Tafeln zur Industriegeschichte der Region bestückt. Für laufmüde
Industriefreaks bieten wir die Texte auch online an.
Verlauf des Lehpfades:

Tafel 1: Die Manufaktursiedlung Hauptwil
Die in den 60er Jahren des 17. Jahrhunderts durch die Familie Gonzenbach gegründete Manufaktursiedlung ist in der Ostschweizer Textilindustrie einmalig. Zusammen mit den Erweiterungen der industriellen Familie Brunnschweiler prägen die Gründungsbauten das Ortsbild bis heute.
Die Ostschweiz als traditionelles Textilverabeitungsgebiet bot als Untertanenland neben der Westschweiz und dem Aargau sehr günstige Gewerbebedingungen. Die vorindustrielle Textilproduktion blieb jedoch hierzulande bis ins 19. Jahrhundert vorwiegend als verlagsmässige Heimarbeit organisiert. Umso erstaunlicher ist somit der rasche Ausbau des Weilers Hauptwil zu einer eigentlichen Manufaktursiedlung und die damit verbundene Konzentration von Arbeitskräften in grossen Wohn- und z.T. auch Arbeitshäusern.
Neuer Geschäftssitz in Hauptwil
Auslöser dieser raschen Entwicklung waren die St.Galler Leinwandhändler und Brüder Hans Jakob I (1611-1671) und Bartholome (1616-1696) von Gonzenbach. Der strengen St.Galler Zunftordnung überdrüssig und interessiert an neuen Produkten (Mischgewebe aus Flachs und Baumwolle), verlegten sie 1664 ihren Wohn-, Produktions- und Handelssitz endgültig nach Hauptwil. Dort boten sich für die industrielle Wassernutzung ideale Voraussetzungen. Nach Erwerb der Gerichtsherrlichkeit und des Marktrechts entsagten sie nach Auseinandersetzungen mit den St.Galler Zünften und Kaufleuten endgültig dem dortigen Bürgerrecht. Zwischen 1661 und 1671 entstand ein Manufakturort mit rund 40 neuen Bauten, wofür der Landvogt einen Kalkofen und eine Ziegelhütte bewilligte. Heute noch beeindrucken das frühbarocke Schloss (1), das Tortürmchen (2), der ehemals Goldende Löwen (3), die Schlosstaverne Zum Trauben (4) und das bis 1783 als Warenmagazin genutzte Kaufhaus (5). Weit wichtiger für den wirtschaftlichen Fortgang des Weilers war jedoch die Errichtung der "wohnungen, werkstetten, walk-, säg- und mahlmühlen, kauf- farb- mang- und bleichhäuser", die heute noch weitgehend erhalten sind.
Leinwandveredelung und Export
Das Hauptinteresse der Gonzenbachs galt vorwiegend der Gewebeveredelung; eigentliche Webkeller sind in Hauptwil nur wenige nachweisbar. Wichtigstes Exportgebiet war bis in die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts die französische Leinwandstadt Lyon, danach traten die lombardischen Städte an ihre Stelle. Die Gonzenbachsche Handlung zählte bis um 1700 zu den fünf grössten Textilexporthäusern der Schweiz, erlebte aber gegen Ende des 18. Jahrhunderts einen strukturell bedingten Einbruch und ging in der fünften Generation zugrunde. Durch die Färbereiindustrie der Familie Brunnschweiler gelangte Hauptwil während der eigentlichen Industrialisierung im 19. und 20. Jahrhundert zu einer zweiten wirtschaftlichen Blüte.
Tafel 2: Die ältesten Wohn- und Arbeiterhäuser
Die Häusergruppe Langbau, Kurzbau und Gelbbau ist das früheste Schweizer Beispiel für Arbeiterwohnungsbau in der Textilindustrie. Sie waren Heim- und zum Teil auch Arbeitsplatz für die in der Manufaktur beschäftigten Menschen.
Die vorindustrielle Leinwandherstellung - von der Naturfaser bis zum fertigen Gewebe - zerfiel hauptsächlich in das Spinnen und Weben in Heimarbeit und in das Veredeln der Textilien in kollektiven Arbeitsstätten, den sogenannten Manufakturen, die vor 1800 vor allem in Städten zu finden waren. In Hauptwil stand im 17. und 18. Jahrhundert die manufakturmässige Textilveredlung im Zentrum der wirtschaftlichen Aktivitäten. Daneben wurden um 1670 auch gegen 400 Tuche pro Jahr auf den 21 Webstühlen im Kaufhaus- und Bleichhauskeller gewoben.
Die neuen Arbeiter brauchen Wohnungen
Sollte das günstige Wasserangebot in Hauptwil industriell genutzt werden, so mussten neben Betriebseinrichtungen auch Unterkünfte für die vor 1660 noch fehlenden Arbeitskräfte geschaffen werden. Die Errichtung der ältesten ökonomie- und Wohngebäude fällt denn auch zusammen mit dem sprunghaften Bevölkerungsanstieg von ca. 50 auf etwa 240 Einwohner in den Jahren zwischen 1649 und 1670. Die Holzdatierung ergab für den Langbau (12) eine Erbauungszeit um 1670, die Häuserreihen Kurzbau (10) und Gelbbau (11) entstanden um 1780.
Verbindung von Wohnen und Arbeiten
Auffallend sind die Regelmässigkeit und die Grösse der Originalsubstanz dieser Bauten: Sie umfassen je acht bis zehn Wohnungen mit vier Räumen und zusätzlich nutzbaren Kellern und Dachgeschossen. Es ist anzunehmen, dass in diesen Häusern nicht nur gewohnt, sondern auch gearbeitet wurde. Der grössere Teil der Hausbewohner dürfte aber in den gonzenbachschen Manufakturbetrieben (Bleichen, Walke, Mange Färberei etc.) in der Gewebeveredelung tätig gewesen sein. Die Wasserversorgung der Arbeiterhäuser bzw. der dazugehörenden Waschhäuser (9) erfolgte vor allem für die beiden späteren Bauten Kurz- und Gelbbau (10,11) über den sogenannten Dorfkanal (A).
Ähnliche Arbeiterwohnbauten wie in Hauptwil finden sich auch in den frühesten zentralisierten Anlangen der vorindustriellen Zeit, so im Bergbau, Hütten- und Bauwesen. Ein erhaltenes Beispiel ist das mit kleinen Wohneinheiten ausgestattete, ins 17. Jahrhundert zurückreichende Knappenhaus im Bergbauweiler S-charl (GR). Bedeutend älter ist die 1516-23 errichtete Fuggerei in Augsburg, eine nach ihrer Stifterfamilie Fugger benannte Armensiedlung.
Tafel 3: Die untere Rotfarb und die Wasserkraft
Die Familie Brunnschweiler brachte Hauptwil im 19. und 20. Jahrhundert durch ihre Färbertätigkeit eine kleine Industrielle Revolution. Im Zuge dieser Entwicklung wurde die Wasserkraftnutzung durch wasserbauliche Anlagen entscheidend erweitert.
Die Leinwandveredelung in Manufakturen wurde ab 1800 mehr und mehr durch das Färben von Baumwollstoffen in industrialisierten Betrieben verdrängt. Der aus Erlen stammende Färber Johann Joachim Brunnschweiler (1759-1830) hatte schon 1787 seine Tätigkeit nach Hauptwil verlegt und machte sich nach einer vorübergehenden Anstellung bei den Gonzenbachs selbständig.
Einführung der Türkischrotfärberei
Zunächst erwarb Brunnschweiler um 1812 u.a. das Haus Zum Spittel (6). Im Haus Am Weiher (15) wurde mit einer wassergetriebenen Kugelmühle der Farbstoff Indigo verfeinert; im Haus Zur Linde (14), wurde gefärbt. Schon ab 1823 betrieb er nebst der Blaufärberei als erster im Thurgau die aufwendige, aber lukrative Türkischrotfärberei im grossen Stil. Sein Sohn Johann Jakob Brunnschweiler (1806-1869) erbaute 1833 die Obere Farb (13) als Lager- und Abspulhaus. Der gute Geschäftsgang machte den Umzug in die 1856 in Lehmbauweise errichtete Untere Rotfarb (16) notwendig, die von Emanuel Brunnschweiler (1840-1891) ab 1869 mehrmals vergrössert wurde.
Genügte anfangs ein Wasserrad mit 15 PS als Energiequelle, so erhöhte die vor 1895 eingeführte Dampfmaschine die Leistung auf 37 PS, ohne jedoch die Wasserkraft zu verdrängen.
Allein in der Rotfarb (16) beschäftigte Brunnschweiler 1878 rund 80 Arbeiter, knapp 50 Jahre später waren es gegen 200. Für die Färbereiarbeiter wurde vor 1871 das Arbeiterhaus Sonnenbühl (17) erbaut.
Das 20. Jahrhundert brachte mit dem Verlust der Exportmärkte im fernen Osten eine Umorientierung auf den Schweizer Binnenmarkt, was mit der Schliessung 1984 endete.
Sornbach und Weiher als Energielieferant
Im Zuge der Industrialisierung wurde nach und nach ein beeindruckendes Wassernutzungssystem aufgebaut. Grundlage bildeten die fünf im 15. Jahrhundert aufgestauten Fischzuchtweiher. Als erster Kanal wurde schon vor 1437 der Dorfkanal (A) gebaut, der die Dorfmühle (8), vermutlich auch ein Wasserrad in der Alten Seidenweberei (18) und ab 1856 eines in der Unteren Rotfarb (16) antrieb. Der Sägi-Stauweiher (B) diente der Sägerei (7) bis zu ihrer Elektrifizierung im Jahre 1933 als Energiereservoir. Die Gonzenbachs bauten den Niederwiler-Kanal (C), um das Wasser des gleichnamigen Weihers für den Bleichebetrieb zu nutzen. Nach 1800 versorgte er den Gewerbekomplex der Oberen Farb (13,14,15) mit der nötigen Wasserkraft. 1852 wurde als letzter der Gwandweiher-Kanal (D) gegraben, welcher das Wasser vom Sornbach zur besseren Wasserregulierung in den Gwandweiher leitete.
Komplette Legende zum Situationsplan Hauptwil
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Schloss: 1664; Gerichtsherrensitz der Handelsfamilie Gonzenbach; ab 1953 Altersheim.
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Tortürmchen: vor 1672; Uhrwerk von 1672; heutiges Aussehen seit ca. 1740.
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Goldener Löwen: 1665 als Gasthaus erbaut.
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Zum Trauben: 1665 als Gasthaus erbaut.
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Kaufhaus: 1667 als Lagerhaus erbaut; 1783 zum Wohnhaus umfunktioniert.
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Haus zum Spittel: 1735 als Walke erbaut; ab 1787 J. J. Brunnschweiler vorübergehend als Indigofärberei genutzt; heute Wohnhaus.
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Sägerei: erste Sägerei 1597 in Hauptwil belegt; unklare Zuordnung; 1850 übernahme durch Fam. Güttinger, Wasserkraftbetrieb bis 1933; heute stillgelegt.
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Alte Mühle: Mühlenstandort vor 1501; eine Mühle (... untz gen Hoptwile zu der müli ...) wird bereits 1439 genannt (ev. identisch mit der ist 1435 erstmals erw. Niedermühle im
Sorntal); Neubauten 1819-21 und 1893; bis 1903 in Betrieb.
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Waschhäuser: 17./ 18. Jh.; zusammen mit den Arbeiterhäusern erbaut; zum Teil bis 1925/30 in Gebrauch.
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Kurzbau: nach 1776 als Wohn- und Arbeitshaus erbaut.
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Gelbbau: ca. 1780 als Wohn- und Arbeitshaus erbaut; Umbau in den 1980-er Jahren.
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Langbau: um 1670 als Wohn- und Arbeitshaus erbaut; grosse Kreuzgiebel um 1870.
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Obere Farb: (Gemeindehaus) 1833 in Pisé (Lehmbau) errichtetes Abspul- und Lagerhaus.
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Zur Linde: wohl 18. Jh.; 1825 als Rotfärberei und Tröcknerstube neu gebaut.
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Haus am Weiher: wohl 18. Jh.; ungesicherter erster Brandversicherungseintrag von 1808; 1. Hälfte 19. Jh. Indigomühle, ab 1856 Büros der Rotfarb.
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Untere Rotfarb: Pisébau von 1856, ab 1869 mindestens viermal erweitert.
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Sonnenbühl: vor 1871; Arbeiterwohnhaus der Rotfarb.
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Alte Seidenweberei: vermutlich zwischen 1660 u. 1670 erbaut; Gewerbebau.
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Dorfkanal: Weiherüberlauf; im Zusammenhang mit dem Mühlenbau (Alte Mühle) im Dorf
entstanden; spätestens 1501; diente zugleich als Weiherüberlauf.
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Sägi-Stauweiher: vermutlich zusammen mit der ersten Sägerei entstanden; spätestens 1597.
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Niederwiler-Kanal: vor 1670; Verbindungskanal zur Bewässerung der Bleichen. Nach 1800
Wasserlieferant für die Obere Farb.
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Gwandweiher-Kanal: Wasser-Ausgleichskanal, gebaut 1852, in Betrieb bis ca. 1960.
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Strassen im 17. Jahrhundert
Tafel 4: Papiermaschine PM1 aus dem Jahr 1928
An der Papiermaschine PM1 lassen sich in seltener Übersichtlichkeit die Verfahrensschritte der Papierherstellung ablesen. In der Schweiz ist sie die älteste erhaltene Papiermaschine und heute wohl die grösste Maschine mit Einzelantrieb.
Aufgrund der guten Auftragslage und der altersbedingten Anfälligkeit der alten Papiermaschine entschied 1927 die "Carton- und Papierfabrik Laager", eine neue Langsiebpapiermaschine der Firma J. M. Voith in Heidenheim anzuschaffen.
1928 errichtete die Firma A. Jsler aus Sulgen die stützenfreie Maschinenhalle mit dem angrenzenden Flachdachanbau als Rollenlager. 420 Eisenbahnwaggons brachten das Baumaterial und die zerlegte Papiermaschine nach Bischofszell. Grosses Aufsehen erregte dabei der Transport des 18 Tonnen schweren Glättzylinders vom Bahnhof durch das Städtli.
Papiermaschine PM1
Am 11. Februar 1929 konnte die neue Papiermaschine PM1 in Betrieb genommen werden. Sie war bei einer Arbeitsbreite von 2'200 mm für eine Leistung von 10'000 kg/24 Stunden ausgelegt. Die 223 Tonnen schwere und 37 Meter lange Maschine produzierte bis 1991.
Über Riemenscheiben und verstellbare Riemen treibt eine einzige Kraftquelle die ganze Maschine an. Neben dem ruhig laufenden Transmissionssystem lassen sich an der nachvollziehbaren Mechanik die Verfahrensschritte der Papierherstellung in seltener Übersichtlichkeit ablesen.
Die PM1 dürfte heute eine der ältesten in ihrer ursprünglichen Form erhaltenen Papiermaschinen im mitteleuropäischen Raum sein.
Historische Kraftanlagen
Die alte Fabrik umfasst ein seltenes Ensemble von historischen Krafterzeugungsanlagen. Der Kanal aus der Gründungszeit speist fünf Francis-Turbinen aus den Jahren 1918 bis 1935. Ausserdem beherbergt das Kesselhaus von 1918
Sulzer-Dampfkessel aus den Jahren 1919 und 1975 sowie eine
1-Kolben-Dampfmaschine mit Generator von 1928, dazu kommt ein 8-Zylinder-Diesel
Notstromaggregat von 1936. Der Verbrauch von Papier und Karton ist ein wichtiger Gradmesser für die wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung eines Landes. Ihre Einzigartigkeit machen die historischen Anlagen der Papierfabrik zu einem Denkmal von nationaler Bedeutung.
Tafel 5: Bischofszell: Vom Gewerbe zur Industrie
Seit 1856 wird in Bischofszell die Wasserkraft der Thur industriell genutzt. Mit dem Bau einer Jacquardweberei machte das Städtchen den Schritt vom Gewerbe, das den eigenen Bedarf deckte, zur fabrikmässigen, auf Export ausgerichteten Produktion.
In früheren Epochen hatte das Bischofszeller Gewerbe vorwiegend für den heimischen Markt produziert. Weiterreichende Beziehungen pflegten bis zum Ende des Ancien régime einzig die Leinwand- und Eisenhändler. Ausserhalb des städtischen Mauerrings an Sitter und Thur waren nur die Mühlen und Sägen sowie die Bleichewiesen der Leinwandindustrie angesiedelt.
Erst im 19. Jahrhundert begann man, Wasserkraft und Flussebene industriell nutzbar zu machen.
Eine wassergetriebene Fabrik
1856 verpflichtete sich der Hauptwiler Fabrikant Johann Jakob Niederer, eine wassergetriebene Fabrik mit 100 Arbeitsplätzen zu schaffen. Als Gegenleistung erhielt er Bauholz und Boden zur Erstellung eines Kanals sowie das Wasserrecht an der Thur. Ein 100 Meter breites Überfallwehr im Ghögg speist seitdem den knapp 2 km langen Oberwasserkanal. Seine Energie treibt nun nicht mehr ein Wasserrad, sondern eine Turbine, welche die Wasserkraft besser ausnützt.
Jacquardweberei und Papierherstellung
1865 war Niederers imposantes Webereigebäude aus Nagelfluhsteinen fertiggestellt. 60 Arbeiterinnen und Arbeiter erzeugten hier auf 200 Lochkarten-Webstühlen nach dem Patent von Joseph-Marie Jacquard Stoffe mit eingewobenen Mustern. Diese Weberei war nicht nur für Bischofszell mit seinen gut 1000 Einwohner, sondern auch gesamtschweizerisch ein bedeutendes Unternehmen, da nach dem Maschinensturm von Uster 1832 die Mechanisierung der Weberei zunächst ins Stocken geraten war. Nach mehreren Krisen der Textilindustrie gliederte man als Diversifizierung eine Kartonfabrik an. 1911 wurde die Weberei endgültig stillgelegt, unter dem Namen "Carton- und Papierfabrik Laager" begann die eigentliche Blütezeit des Unternehmens. 1928 wurde die heute noch zu besichtigende Papiermaschine PM1 der Firma Voith (Heidenheim) angeschafft.
Industrielle Vielfalt
Die Bahnlinie Sulgen-Gossau wurde 1876 mit Bischofszeller Finanzkraft gebaut und verbesserte die Attraktivität Bischofszells als Industriestandort entscheidend. So entstand eine ausgesprochen bunte Mischung von Betrieben der Papier- und Textilindustrie, der Elektrotechnik, der Metall- und Holzverarbeitung. Besonderes Gewicht hat heute die Nahrungsmittelindustrie.
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